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Ein persönlicher Nachruf auf Prof. Jörg Becker

von Josef Mühlbauer (Universität Graz)

Am 23. August 2026 ist Jörg Becker im Alter von 79 Jahren verstorben. Mit ihm verlieren wir einen Politikwissenschaftler, Gesellschaftstheoretiker, Journalisten und politisch engagierten Menschen, dessen wissenschaftliches Wirken weit über die Grenzen der Kommunikations- und Medienforschung bis hin zur Friedensforschung hinausreichte. Für mich ist sein Tod auch persönlich ein schmerzlicher Verlust. In seinen letzten Monaten durfte ich eng mit ihm zusammenarbeiten und seinen letzten wissenschaftlichen Buchbeitrag begleiten und publizieren. Dabei habe ich Jörg Becker nicht nur als profunden Kenner seiner Themen, sondern auch als einen Menschen erlebt, dessen intellektuelle Neugier und Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung bis zuletzt ungebrochen waren.

Beckers wissenschaftliches Werk war ausgesprochen vielseitig. Im Zentrum stand jedoch eine grundlegende Frage: Wie wirken gesellschaftliche Machtverhältnisse – und welche Bedeutung haben Medien, Kommunikation und Öffentlichkeit für ihre Entstehung und Stabilisierung? Diese Perspektive verband seine wissenschaftliche Arbeit eng mit der kritischen Friedensforschung. Becker studierte in Marburg, Tübingen und Bern, promovierte 1977 und habilitierte sich 1981. Er lehrte unter anderem in Marburg, Darmstadt und Innsbruck und war an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung tätig. 1987 gründete er das Institut für Kommunikations- und Technologieforschung Komtech, das er bis 2010 als Direktor leitete.

Ein Schwerpunkt seiner Forschung lag zunächst auf internationaler Medienpolitik und den Medienverhältnissen in Lateinamerika, Afrika und Asien. Ihn interessierte insbesondere, wie der Globale Süden in europäischen und deutschen Medien dargestellt wird. Daraus entwickelte sich seine umfassendere Analyse von Informationsstrukturen und neuen Kommunikationstechnologien. Medien waren für Becker niemals bloß technische Instrumente. Er stellte die Fragen nach Eigentum, Kontrolle und gesellschaftlicher Macht: Wer verfügt über Informationen? Wer prägt öffentliche Debatten? Welche Interessen werden sichtbar gemacht – und welche bleiben marginalisiert? In dieser Perspektive verstand er sich ausdrücklich als kritischer Gesellschaftstheoretiker. Anknüpfend an die Kritische Theorie von Adorno und Horkheimer betrachtete er Medien als Bestandteil gesellschaftlicher und globaler Machtverhältnisse. Besonders eindringlich wird dies in seinem Werk „Krieg in den Medien, Medien im Krieg“. Becker machte deutlich, dass Krieg nicht allein militärisch ausgetragen wird. Er wird ebenso durch Bilder, Begriffe, Nachrichten und politische Erzählungen vermittelt. Die öffentliche Wahrnehmung eines Krieges ist daher selbst ein gesellschaftliches Konfliktfeld.

Welche Bilder werden gezeigt? Welche Begriffe bestimmen die Berichterstattung? Wer erscheint als Opfer, wer als Täter und wer als Bedrohung? Und welche Stimmen finden kaum Gehör? Becker zeigte, dass Medien nicht außerhalb gesellschaftlicher Konflikte stehen, sondern selbst an deren Deutung beteiligt sind. Diese Fragestellung beschäftigte ihn bis in seine letzten Lebensmonate. Im 2026 von Josef Mühlbauer und Klaus Moegling herausgegebenen Sammelband „Wege zum Frieden“ erschien sein letzter Buchbeitrag „Der Umgang der Massenmedien mit Krieg – Strukturelle Produktionsbedingungen“. Für mich besitzt dieser Text eine besondere Bedeutung, weil ich ihn gemeinsam mit Jörg Becker in seinem letzten Lebensjahr begleiten und publizieren durfte. Sein Beitrag stellt zugleich eine Verbindung zwischen seiner jahrzehntelangen Medienkritik und den Fragestellungen einer kritischen Friedensforschung her. Beckers Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung zeigte sich auch in seinen historischen Arbeiten. Seine Biographie über Elisabeth Noelle-Neumann aus dem Jahr 2013 führte zu einer intensiven öffentlichen Kontroverse und wurde nach juristischen Auseinandersetzungen schließlich vom Markt genommen. Becker war ein Wissenschaftler, der Konflikten nicht auswich, wenn er wissenschaftliche Fragen für notwendig hielt. Bezeichnend ist daher auch der Titel der Festschrift zu seinem 65. Geburtstag: „Widerworte“. Darin liegt viel von dem, was sein wissenschaftliches Selbstverständnis ausmachte: nicht einfach zu widersprechen, sondern dort nachzufragen, wo sich vermeintliche Gewissheiten verfestigen, Machtverhältnisse unsichtbar bleiben oder dominante Erzählungen nicht mehr hinterfragt werden. Diese Haltung prägte auch seine journalistische und politische Arbeit. Becker publizierte in zahlreichen unterschiedlichen Medien, war gewerkschaftlich engagiert und von 2014 bis 2020 Mitglied des Rates der Stadt Solingen.

Was bleibt von Jörg Becker? Es bleibt ein umfangreiches wissenschaftliches und journalistisches Werk. Es bleiben Bücher wie „Krieg in den Medien, Medien im Krieg“, zahlreiche Aufsätze und sein letzter Beitrag in „Wege zum Frieden“. Vor allem aber bleibt eine Haltung: die Überzeugung, dass Demokratie, Frieden und eine kritische Öffentlichkeit immer wieder neu verteidigt und hinterfragt werden müssen.

Jörg Becker war ein Wissenschaftler, der unbequeme Fragen stellte, ein Gesellschaftskritiker, der Macht analysierte, ein Journalist, der zur Aufklärung beitragen wollte, und ein politisch engagierter Mensch.

Seine „Widerworte“ werden bleiben.

Denn vielleicht besteht das nachhaltigste Vermächtnis eines Wissenschaftlers darin, dass seine Fragen auch nach seinem Tod weiterwirken – und andere den Mut finden, sie erneut zu stellen.

Wir nehmen Abschied von Jörg Becker mit Dankbarkeit für sein Werk, mit Respekt vor seinem Engagement und mit der Gewissheit, dass kritische Wissenschaft gerade dort unverzichtbar ist, wo sie unbequem wird.

Möge sein Denken weiterhin zum Widerspruch anregen, Diskussionen eröffnen und zur Suche nach Frieden beitragen.

Der Nachruf ist als Video verfasst und hier einsehbar.

Quellen:

Jörg Becker (2016): Medien im Krieg – Kireg in den Medien. Springer Verlag.

Josef Mühbauer & Klaus Moegling (2026): Wege zum Frieden. Perspektiven kritischer Friedensforschung. Westfälisches Dampfboot Verlag.

Josef Mühlbauer (2026): Abschiedsrede, URL: https://www.youtube.com/watch?v=zOtjun18kGs&t=2s.

Zum Autor: Josef Mühlbauer ist Universitätsassistent, Friedensforscher und Politikwissenschaftler am Fachbereich Global Governance der Universität Graz. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht und leitet einen YouTube Kanal zu den Themen Internationale Beziehungen, Krieg und Frieden.