von Gert Krell
31.08.2026
Hans Günter Brauch, ein weit über Deutschland hinaus bekannter Politikwissenschaftler, ist am 5. Juli 2026 im Alter von 79 Jahren verstorben. Am 1. Juni 1947 geboren, gehörte er zur ersten Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration in der Friedens- und Konfliktforschung. Nach seiner Schulzeit in Mosbach, in der er schon als hochbegabt auffiel, studierte er in Heidelberg und in London Politikwissenschaft, Geschichte, Völkerrecht und Anglistik. Sein erster großer Forschungsschwerpunkt war die Rüstungsdynamik in den USA und im Ost-West-Konflikt, mit der er sich in seiner Dissertation von 1976 und in seiner Habilitationsschrift von 1998 ausführlich beschäftigt hat. Aus dieser ersten Phase gibt es eine gemeinsame Publikation von 1981, nämlich eine Bibliographie zur Rüstung der USA in einem Sammelband, in dem die beiden Originalbeiträge in einem Abschnitt zur politischen Ökonomie der amerikanischen Rüstung von ihm und von mir stammten.
Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat sich Hans Günter wie viele von uns auch andere Schwerpunkte für seine wissenschaftliche Arbeit gesucht: Umweltpolitik, Klimapolitik, Energiepolitik, Klimawandel sowie nachhaltige Entwicklung und Frieden. Vor allem für diese Themen ist er international bekannt geworden, was sicher auch damit zu tun hat, dass er hier weitgehend auf Englisch publiziert hat. (Seit 2012 war er Herausgeber von fünf englischsprachigen Buchreihen im Verlag Springer Nature.) Hans Günters Publikationsverzeichnis ist enorm; er gehört bzw. gehörte sicher zu den fleißigsten Menschen in unserem Metier. Fragt man auf Chat GTP nach Hinweisen und Zitationen aus seinen Werken, werden 2400 genannt; ich habe auch schon die Zahl 5000 gelesen. Für sein wissenschaftliches Werk wurde ihm 2020 das Bundesverdienstkreuz verliehen.
Hans Günter hat auch viel gelehrt: als Lehrbeauftragter in Darmstadt, Stuttgart, Tübingen und Heidelberg; als Lehrstuhlvertreter in Frankfurt am Main, Erfurt/Mühlhausen, Leipzig und Greifswald ‑ schließlich als Privatdozent in Berlin. Gastprofessuren hat er in Malaysia, Mexiko und Costa Rica wahrgenommen. Dass es ihm in Deutschland trotz mehrerer Bewerbungen nicht gelang, auf eine Professur berufen zu werden, war eine schwere Kränkung für ihn. Hans Günter hat auf diese Kränkung produktiv reagiert und sich stark international vernetzt, was ihm viel Beachtung und Respekt eingebracht hat. Es gibt auch Veröffentlichungen auf Chinesisch von ihm. Schließlich hat er sogar – er war die meisten Jahre seines erwachsenen Lebens Junggeselle – in Mexiko eine familiäre Bindung mit Frau und Kindern gefunden.
Hans Günter war auch in seiner unmittelbaren Umgebung unübersehbar. Er hat das Haus seiner Eltern ausgebaut und dort sein eigenes Institut mit einer umfangreichen Bibliothek eingerichtet. Besonders aufgefallen sind mir die vielen Regalmeter mit den berühmten grünen Veröffentlichungen des Government Printing Office. Die Bestände waren größer als die der HSFK (heute PRIF), die immerhin auch einen Schwerpunkt in der USA-Forschung hatte. Außerdem hatte er eine Art eigenen Verlag: die AFES-Press. 2020 gründete er die Hans-Günter-Brauch-Stiftung mit dem Ziel, an Schulen im Neckar-Odenwald-Kreis Bildung zu Fragen von Frieden und Ökologie zu fördern. Seit 2022 vergab die Stiftung im Landkreis Schülerpreise und ab 2023 international Wissenschaftspreise, überwiegend an NachwuchswissenschaftlerInnen in der Politikwissenschaft.
Ich bin Hans Günter zum letzten Mal im September 2025 begegnet. Er hatte mich nach Mosbach eingeladen, auf einer Tagung seiner Stiftung in Verbindung mit einer Auszeichnung für dessen wissenschaftliches Lebenswerk eine Laudatio auf Dieter Senghaas zu halten, was ich sehr gerne und mit viel Gewinn getan habe. (Dieter Senghaas konnte leider nicht selbst teilnehmen.) Die Veranstaltung, auf der außerdem eine Reihe von Stipendien an jüngere KollegInnen aus verschiedenen Ländern vergeben wurde, hatte die typischen brauchschen Dimensionen: voll mit Beiträgen, eng getaktet und damit am Ende auch erschöpfend. Aber Hans Günter blieb wie immer die ganze Zeit aufmerksam, entspannt und freundlich. Ich bedaure sehr, dass ich mich nach dieser Tagung nicht mehr bei ihm gemeldet habe. Mir hätte auffallen müssen, dass es nicht mehr, wie sonst durchaus üblich, ab und zu eine Mail von ihm mit Hinweisen auf Bücher oder Texte gab. Ich wusste ja, dass er krank war; zuletzt war seine Bewegungsfreiheit auf kleinere Räume beschränkt. Ich bin selbst erstaunt, wie sehr ich ihn jetzt vermisse. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass der nachhaltige irdische Frieden, für den er sich so energisch und engagiert eingesetzt hat, in immer weitere Fernen rückt. Requiescat in pace.
Foto: Hans Günter Brauch Stiftung für Frieden und Ökologie im Anthropozän (HGBS)